Dass eine Gabe auch ein Fluch sein kann, musste in der vergangenen Woche Tintenfisch Paul aus dem Sea Life Aquarium in Oberhausen erfahren. Der Achtarmer erlangte während der vergangenen WM-Wochen internationale Berühmtheit als "Okrakel", indem er den Ausgang der Spiele mit deutscher Beteiligung mittels der Wahl von Muschelfleisch aus mit den Landesflaggen gekennzeichneten Boxen stets korrekt prophezeite.
Der nur 500 Gramm schwere kleine Kerl erfreute sich besonders nach seinen eingetroffenen Prognosen gegen England und Argentinien größter Beliebtheit. Doch danach sollte sich das Blatt wenden. Mitten in der größten Euphorie tippte Paul auf Spanien, sah die deutsche Elf im Halbfinale ausscheiden. Und zog damit den Zorn der halben Republik auf sich. Morddrohungen wurden laut, manch ein DFB-Anhänger hatte plötzlich Appetit auf Calamari fritti, im Internet wurden wahre Hetzkampagnen veranstaltet. Das Aquarium reagierte und stellte Paul während der Besuchszeiten einen Bodyguard.
From hero to zero innerhalb nur eines Tages. Aber das ist wohl der Preis, der für eine solch außergewöhnliche Gabe zu zahlen ist. Ein echter Seher ist nun mal mehr als allem anderen der Wahrheit verpflichtet.
Nachdem am späten Sonntagabend auch Pauls letzte Vorhersage eingetroffen ist, wollen die Spanier ihn nun übrigens adoptieren. Ob es ihm allerdings ausgerechnet im Heimatland der Paella so gut ergehen würde, ist zumindest fraglich.
12. Juli 2010